Chronik  1874-1974

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Die Gründung

 

Am 1. Osterfeiertag des Jahres 1874 wurde im Gasthof zur "Krippe" von Herrn Christian Graupner aus Neukirchen die Anregung zur Bildung eines Gesangsvereins gegeben. Noch im April 1874 wurde eine Versammlung in der Gaststätte "Carthause" abgehalten, und ein Ausschuss gewählt, der unter der Leitung von Herrn Friedrich Thurm aus Crimmitschau Vereinsrichtlinien festlegte. Am 2.Mai 1874 kam es dann mit 35 Mitgliedern zur Gründungsversammlung des "Männergesangverein zur Carthause".

 

Als 1. Dirigent des Männergesangverein zur Carthause gewann man den Schulleiter Herrn Hermann Schlott. Seiner Begabung war es zu verdanken, dass der junge Chor an Ansehen zunahm. Am 02. Mai 1875 wurde das erste Stiftungsfest mit Tafel und Musik in der Gaststätte "Weintraube" gefeiert. Im selben Jahr starb der 1. Vorstand Herr Friedrich Thurm. Neben geselligen Vergnügen mit den Frauen unternahm der Verein seine erste Sängerfahrt im Juni 1886 nach Berga. Laut Beschluss des Vorstandes am 02.11.1877 zog der Verein wegen Raummangels in die Gaststätte "Weintraube" um. Von dieser Zeit an trug er den Namen "Männergesangsverein Neukirchen".
Nachdem ein Pianoforte für 240,- Mark erworben wurde, was das Einüben von Liedern erleichterte und die Harmonie förderte, veranstaltete der Verein alljährlich ein Konzert. 150,- Mark Darlehen wurden dafür bei der Sparkasse aufgenommen; Rückzahlung jährlich 15,- Mark und 150 Guthilfsschein á 1,- Mark wurden an die Vereinsmitglieder ausgegeben, wobei die Rückzahlung ausgelost wurde. Einen Bücherschrank ließ man 1881 vom Sangesbruder Beyerlein für 30,- RM anfertigen. Zur Generalversammlung 1882 wurde ein Bannerträger und zwei Lampenträger gewählt, die zu abendlichen Ständchen für Licht sorgten. Anlässlich einer Sängerfahrt im Möbelwagen, was große Fröhlichkeit und Heiterkeit auslöse, zahlte der Verein 1884 eine Ordnungsstrafe von 5,- M wegen zu lautem Singen während des Gottesdienstes in Langenbernsdorf. Tiefe Trauer erfast alle Sänger durch den Tod ihres Chorleiters Hermann Schlott. Er verstarb 1888 im blühenden Alter von 39 Jahren. Herr Kantor Hermann Tietze wurde neuer musikalischer Leiter und die Sänger hatten wieder einen guten Chorleiter.

Das 25jährige Vereinsjubiläum feierte man 1899 festlich in der Weintraube bei einer Vereinsstärke von 129 Mitgliedern. Das neu geschaffene Vereinsbanner (Standarte mit Lyra) wurde am 10.Juli 1899 eingeweiht. Im Beisein der Mitglieder des königlich-sächsischen Militärvereins zu Neukirchen und anderer Ortsvereine, nahm Herr Pastor Voigt die Weihe vor. Es war in all den Jahren ein schöner Brauch innerhalb und außerhalb der Gemeinde, bei Brudervereinen, bei Turn- und Schützenfesten oder Fahnenweihen eingeladen zu werden.

Für die Durchführung öffentlicher Konzerte musste erst ein Gesuch bei der königlichen Amtshauptmannschaft Zwickau eingeholt werden, was vorher vom Gemeindepfarrer befürwortet und vom Gemeindevorstand beglaubigt werde musste. Bis Ende 1889 waren die monatlichen Übungsstunden oder Veranstaltungen ebenfalls genehmigungspflichtig. In der Chronik ist festgehalten, dass die jährlichen Sängerfahrten, Italienische Nächte, Herbstkränzchen, Familienabende sowie die Darbietungen der Sänger bei den Konzerten äußert befriedigend aufgenommen wurden.

1900 erbte der Verein aus dem Nachlass der Frau Schlott 100,- Mark. Als Gegenleistung solle jedes Jahr am Johannistag ein Lied zu Ehren von Herrn Hermann Schlott auf dem Friedhof gesungen werden. Diese Tradition des Johannessingens hat sich bis heute erhalten. Im Jahr des Crimmitschauer Textilarbeiterstreiks 1903 legte der Vorstand Hermann Tröltzsch sein Amt nieder. Auf Antrag des Kantors Hermann Titze wurde Oskar Hofmann vorgeschlagen und gewählt. Er vertrat nun 17 Jahre als erster Vorstand den Gesangsverein in vorbildlicher Weise. Die Konzerte und Liederabende unter Leitung des Kantors Hermann Tietze erfreuten sich großer Beliebtheit, des weitern organisierte man Kinderfeste, Sängerfahrten und Schweineschlachten. Kaffeekränzchen mit den Frauen wurden im Wechsel bei den Gastwirten abgehalten, die Mitglieder im Verein waren.

Im Herbst 1909 erfolgte die Aufnahme des Vereins in den westsächsischen Sängerbund "Canon" im Pleißental Werdau. Mit dem großartig vorgetragenen Lied "Wie´s daheim war" wurde unser Verein spontan in den Sängerbund aufgenommen. Im gleichen Jahr ernannte man den Direktor, Kantor Hermann Tietze, für seine großen Verdienste zum Ehrendirektor. Aus gesundheitlichen Gründen legte er Ende 1909 sein Amt nach 22 Jahren ausgezeichneter Arbeit nieder. Als neuer Leiter amtierte nun der Lehrer Herr Karl Blank. Er führte den Verein zu weiterer beachtenswerter Höhe.

Die Feststimmung des 40jährigen Bestehens war kaum verklungen, kam durch den 1. Weltkrieg ein Stillstand in das Vereinsleben. Dieser und jener Sangesbruder musste in den Krieg ziehen, jedoch eine kleine Sängerschar hielt treu zusammen. 11 Sänger sahen ihren Verein nicht wieder. Bis Anfang 1917 schickte der Verein den eingezogenen Sängern 472 Liebesgabenpakete. Auch Lehrer Karl Blank musste den Taktstock mit dem Gewehr vertauschen. Schwer verwundet war er nicht mehr in der Lage, den Gesangsverein zu leiten, so dass ein Herr Rödel, ein Lehrer Gerber und ein Kantor Hermann Tietze aushalfen. In jener Zeit ergriff auch aushilfsweise Lehrer Felix Müller die Initiative. Um ihn versammelte sich bald wieder eine sangesfreudige Schar, die ständig an Mitgliedern zunahm. Mit Eifer versuchte er einstmalige Leistungen erneut aufzubauen. Leider legte er am 30.09.1921 sein Amt nieder. Auf Antrag unseres unvergessenen Alfred Eckstein wurde Herr Kantor Sepp Unger geworben. Herr Felix Müller fungierte aber weiter als zweiter Liedermeister. Wegen Umbau des Sängerlokals "Weintraube" in ein Kino zog der Verein 1919 in die Gaststätte "Zur Post" um.

 

Dort fand jahrelang eine liebe, freundliche Aufnahme bei Besitzer Willi Popp und seiner Gustl. Da nach 17 Jahren der beliebte, zu Witz und Humor jederzeit aufgelegte Oscar Hofmann sein Amt nicht wieder annahm, leitete Sangesbruder Alfred Näser von 1920 bis 1930 den Gesangverein. Die zwanzig Jahre waren reich an Veranstaltungen in mannigfaltiger Art, doch waren es auch Jahre, die mit großen Schwierigkeiten beinhaltet waren. Die Inflation bürdete auch unserem Verein zusätzliche Schwierigkeiten auf. Zu Beginn der Geldumwertung wurde das Lagengeld von 50 Pf auf 3,00 Mark und später auf 30,00 Mark erhöht und erreichte am 16.5.1923 die Summe von 300,00 Mark monatlich.
Dirigentengehalt 5000,00 Mark jährlich und einige Zeit darauf 25000,00 Mark vierteljährlich. Laut Protokoll von 1923: "Der Liedermeister ist damit dankend zufrieden". Ein Theaterabend 1923 im Verein: Einnahmen 31620,00 Mark, Gewinn 19000,00 Mark. Ein Sängerabzeichen kostete 150,00 Mark und der Eintritt zu einem Liederabend im Frühjahr 1923 pro Person 300,00 Mark. Ab November betrug das Lagengeld wieder 50 Pf.
5 Höhepunkte zeichneten die zwanziger Jahre im Verein aus.

  1. Der Verein hatte seinen höchsten Mitgliederstand, 230 Mitglieder, davon 173 zahlende, 43 ehrenamtliche und 8 lagenfreie Mitglieder.

  2. Die Teilnahme am Sängerbundtreffen 1922 in Crimmitschau.

  3. Zum 50jährige Vereinsjubiläum vom 17.-19.5.1924 gratulierte Herr Franz Schiffner aus Los Angeles und übersandte dem Verein 5 Dollar. Die Sängerfrauen stifteten aus diesem Anlass dem Verein den großen Notenschrank, welchen wir noch immer in unserem Besitz haben und liebevoll pflegen.

  4. Ein großes Konzert 1926 im Gasthof Neukirchen brachte der Verein der Öffentlichkeit dar.

    Mitwirkende:
      - Männergesangsverein Neukirchen
      - Reichenbacher Stadtkepelle mit 31 Musikern
      - ein Bariton und eine Sopranistin aus Leipzig

  5. Die Teilnahme am großen Duezschen Sängertreffen 1928 in Wien, wo Sangesbruder Max Nitsche das Vereinsbanner trug. Das war der Abschluss großer Ereignisse in diesem Jahrzehnt. In den dreißiger Jahren nahm die Mitgliederzahl etwas ab, doch wurde weiter fleißig geübt und der Geselligkeit Rechnung getragen.
All diese Veranstaltungen steigerten sich immer wieder zu wahren Volksfesten. Neben Kostümbällen und Weinfesten sang der Verein auch in der Gemeinde Neukirchen zu besonderen Anlässen. Der Verein beteiligte sich 1932 am deutschen Sängerbundfest in Frankfurt am Main, 1934 am Schul- und Heimatfest der Gemeinde Neukirchen sowie 1937 am deutschen Sängerbundtreffen in Breslau. Am 12. Mai 1934 feierte man im Gasthof Neukirchen das 60jährige Stiftungsfest. Das für diesen Anlass gedichtete "Tafellied" ist noch heute erhalten. Die gesangliche Leitung übte bis zum Beginn des unseligen II. Weltkrieges der in Neukirchen beliebte Kantor Sepp Unger aus. Nach dem Zusammenbruch des III. Reiches ruhte erst einmal das Sängerleben und der Notenschrank war versiegelt. So mancher Sänger sah auch nach diesem furchtbaren Weltkrieg seine Heimat, Familie und seine Sangesbrüder nicht wieder.

Bei einer gemütlichen Skatrunde 1947 im "Keglerheim Neukirchen" erwachte wieder die Sangeslust einiger ehemaliger Sangesbrüder. Nach einholen des Einverständnisses bei der Gemeindebehörde Neukirchen begannen wieder 14tätig die Übungsstunden in der Gaststätte "Zur Post".
  90 jähriges Jubiläum

 

Da man sich den damaligen Bestimmungen fügen und sich einen Betrieb anschließen musste, wählte man die MTS Schweinsburg. Dieser Vertrag wurde aber nach kurzer Zeit wieder gelöst. Zur 1. Hauptversammlung wurde Sangesbruder Hermann Heinke als erster Vorsitzender gewählt. Unter der erneuten Musikalischen Leitung von Felix Müller begann nun so langsam das Vereinsleben wieder. Es wurden auch wieder Vergnügen durchgeführt, wobei so mancher Freundeschor bei uns weilte.

Die erste Sängerfahrt führte uns 1955 nach Scheibenberg im Erzgebirge. Schriftführer Albert Kißbauer fungierte viele Jahre als Reiseleiter. Unser Chor hatte damals eine stärke von 57 aktiven und 10 passiven Vereinsmitgliedern. Da zur Zeit der DDR Vereinsleben nicht gern gesehen war, nannte sich der Männergesangsverein von nun an Männerchor.

Im selbigen Jahr fasste man den Beschluss, die Übungsabende wieder wöchentlich durchzuführen. Nach neunjähriger Harmonie im Sängerlokal "Zur Post" zog der Chor wegen Schließung desselben in das alte, historische Gasthaus "Zur Carthause" um, wo wir schnell heimisch wurden. 1959 legte nach zwölfjähriger Schriftführertätigkeit Albert Kißbauer sein Amt nieder.

Es folgten nun für viele Jahre Kurt Bornschein und danach Wolfgang Binder als Schriftführer. Schweren Herzens zogen wir 1962 erneut mit dem Chor um. Gastwirt Willy Riegel hörte auf und im wieder neu eröffneten Lokal "Zur Post" fand der Verein für kurze Zeit seine neue Heimatstätte. Der nicht gerade kleine Notenschrank versüßte uns dabei jedes Mal den Umzug.

 

Anfang 1964 legte Herr Felix Müller nach zwanzigjähriger Chorleitertätigkeit seine Funktion endgültig nieder. In all den Jahren hatte er in vorbildlicher Art und Weise den Männerchor auf ein beachtliches Niveau gebracht. All die schönen Stunden, Liederabende und Konzerte sind nicht vergessen. Neuer Chorleiter wurde Herr Wolfgang Thiele aus Lauterbach. Das 90jährige Stiftungsfest feierte man am 09.05.1964 bei festlicher Tafel im "Gasthof Neukirchen" mit 92 Personen.

Unsere Sängerfrauen überreichten einen schönen Tischbanner und 80,- Mark für die Sängerkasse. Der Verein bestand aus 43 aktiven und 16 passiven Mitgliedern. Im April 1965 schloss das Lokal "Zur Post" und im Frühjahr desselben siedelten wir in den "Gasthof Neukirchen" um und fühlten uns dort viele Jahre wohl. Ab Oktober 1965 übernahm der Lehrer Herr Gutendorf den Chor. Nach knapp zweijähriger Tätigkeit konnten wir Herr Kantor Dieter Teichmann für die Übernahme als Chorleiter gewinnen.

Schweren Herzens mussten wir auch diesem jungen talentierten Chorleiter wieder "ADE" sagen. Herr Kantor Siegfried Rau trat an seine Stelle. Leider kam durch Meinungsverschiedenheiten mit ihm das seit 1900 stattfindende Johannessingen auf dem Friedhof Neukirchen zum Wegfall. Einen besonderen Höhepunkt bildeten zu vielen Veranstaltungen die musikalischen Darbietungen von Herrn Siegfried und Albrecht Hofmann aus Leipzig und unseren Sangesbruder Hans Günther. Letzterer wirkte auch viele Jahre als Ersatzchorleiter. Bei vielen älteren Sängern ist die Aufführung im vollbesetzten Theater von Crimmitschau mit dem Strauß-Walzer "An der schönen blauen Donau" unter der Leitung des Kapellmeisters Herrn Erhard Schache in guter Erinnerung. Der Langenhessener Lehrer Herr Walter Häber konnte nach 4 Wochen sein Amt aus gesundheitlichen Gründen nicht länger ausüben. Es begann erneut die Suche nach einem Chorleiter.

Als ein entscheidender Tag im Fortbestehen unseres Chores wird der 06.05.1969 genannt. Die Sangesbrüder Hans Halbauer und Wolfgang Binder erhielten von Herrn Kantor Konrad Heinig aus Crimmitschau eine positive Zusage. Besonders einen Satz möchten wir hervorheben, als er seine Funktion übernahm. "Er möchte nicht durch eine Absage seinerseits das Fortbestehen dieses Chores gefährden".

In den 50er und 60er Jahren haben wir manche Freundschaftsbande geknüpft, mit Chören in Scheibenberg, Olbernhau, Kahla, Sosa, Zwönitz, Geyer, Klaffenbach. Weinböhla, Christes, Greiz, Hausdorf, Seelingstädt, Lastau, Grimma und Treuen.

Wir freuten uns, wenn diese Vereine aus uns besuchten. Leider sind all diese Verbindungen nicht mehr vorhanden. Der Chor hat auch in dieser Zeit bei vielen Anlässen in der Gemeinde, im Krankenhaus und den Altersheimen gesungen.

Am 1. Januar 1970 legte der I. Vorstand Hermann Heinke nach 23jähriger Tätigkeit sein Amt als Vorstand nieder. Es war die längste Amtszeit eines Vorstandes in der 120jährigen Vereinsgeschichte. Für seine Verdienste wurde er vom neunen Vorstand Hans Halbauer im Mai 1970zum Ehrenvorstand ernannt. Ab 1972 übernahm dann Günther Rothe die Funktion des I. Vorstandes.

Ein Höhepunkt besonderer Art war 1973die Unterzeichnung des Patenschaftsvertrages zwischen dem Chor und dem Betrieb "VEB Metallverarbeitung Neukirchen". Neben beiderseitigen Verpflichtungen bekam der Chor jährlich einen finanzielle Zuwendung. Sieben Jahre leitete Herr Konrad Heinig unseren Chor. In dieser Zeit fiel auch das Festkonzert anlässlich des 100jährigen Vereinsjubiläums am 25.05.1974. Mit 40 aktiven Sängern feierte man im Pleißental dieses Fest.

  100 jähriges Jubiläum

 

Mit der Ouvertüre aus der Oper "Zar und Zimmermann", mit Musikschülern aus Leipzig erreichte das Programm seinen Höhepunkt. Minutenlanger Beifall war der Lohn für diesen Vortrag. Unter der Führung von Kantor Heinig erreichte der Chor eine neue Qualität und machte weit über die Grenzen des Kreises Werdau auf sich aufmerksam. Aus beruflichen Gründen musste er uns im Mai 1975 verlassen.